Kurzinhalt: Die buddhistische Erkenntnislehre untersucht die Beziehung zwischen dem wahrgenommenen Objekt und dem wahrnehmenden Subjekt. Denn Erleber und Erlebnis sind immer abhängig voneinander. Der Buddhismus erklärt, wie man die fehlerhafte Wahrnehmung beseitigen kann.

   Die Merkmale der materiellen Welt
   Die Merkmale des Geistes
   Der Geist als die Grundlage für Materie


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Wir haben eine sehr starke Gewohnheit, an der bedingten Welt festzuhalten. Daher ist es notwendig, Klarheit über die Merkmale der materiellen Welt und über die Merkmale des Geistes zu bekommen. Dann erst kann man verstehen, dass der Geist kein Ding ist, und wie Materie und Geist miteinander zusammenhängen. Dies ist zunächst eine logische Untersuchung, die durch Meditation in eigene Erfahrung umgesetzt werden sollte.
 
Dinge bzw. Materie haben die Merkmale, unbelebt und substanziell zu sein. Geist dagegen hat die Merkmale, bewusst und klar zu sein. Der Geist kann wissen, erleben und erkennen, ohne die einzelnen Momente des Erlebens zu vermischen. Er hat weder Farbe noch Gewicht noch Maß noch irgendetwas Substanzielles. Auf der allgemeinen Ebene der Konvention muss klar zwischen der belebten und der unbelebten Welt unterschieden werden. Zur belebten Welt gehören alle Lebewesen, wie z.B. Menschen und Tiere. Zur unbelebten Welt gehören Pflanzen und Steine, die keine Eigenbewusstheit, kein Erleben besitzen. Pflanzen reagieren zwar auf physikalische, chemische oder magnetische Reize, aber sie sind sich dessen nicht bewusst. Sonst würde man jedes Mal, wenn man einen Blumenstrauß pflückt, viele Lebewesen töten. Das ist nicht der Fall.


Nach den Erklärungen Buddhas über das abhängige Entstehen der Dinge gibt es immer direkte Ursachen, die zu entsprechenden Wirkungen führen. Des Weiteren sind beeinflussende oder mitwirkende Bedingungen indirekt beteiligt. In der äußeren Welt entsteht z.B. aus einem Samen ein Sprössling, und die mitwirkenden Bedingungen in diesem Prozess sind die fünf Elemente von Erde, Wasser, Feuer oder Wärme, Luft und Raum. So ist es auch mit unserer Person: Die direkten Ursachen sind die einzelnen Bewusstseinsmomente in unserem Geist. Diese bilden eine unaufhörliche Kette (Geiststrom) durch diesen Tag, das ganze Leben, den Zwischenzustand (zwischen Tod und Wiedergeburt) sowie alle folgenden Leben hindurch. Die mitwirkenden Bedingungen sind die Elemente, aus denen unser Körper zusammengesetzt ist. Die Festigkeit im Körper ist das Erdelement, die Flüssigkeiten sind das Wasserelement, die Wärme ist das Feuerelement, die Atmung ist das Windelement, der Platz für die Organe ist das Raumelement.
   
 

Das Bewusstsein durchdringt den Körper, wobei Name und Form (siehe auch Die Fünf Ansammlungen) oder Geist und Körper zusammenkommen. Untersucht man nun irgendeinen materiellen Teil des Menschen, so befindet man sich im Bereich der mitwirkenden Bedingungen. Ob das nun das Erbmaterial der Eltern ist, mit dem sich der Geist bei der Empfängnis verbindet, oder ob das Gehirn als Instrument für den Geist dient, immer geht es um die Bedingungen für unsere Existenz. Diese sind zwar wichtig, man darf sie aber trotzdem nicht mit den eigentlichen Ursachen verwechseln, nämlich mit dem Strom des bewussten und klaren Erlebens, unserem Geist.


Nun gilt diese Einteilung in die belebte und unbelebte Welt, in Geist und Körper, nur auf allgemeiner Ebene, solange man die Natur des Geistes und damit auch die Natur der Dinge nicht erkannt hat. Der Buddha lehrt, dass es keine objektive, d.h. für sich unabhängig existierende Welt gibt, denn niemand wüsste davon. Man kann nur von einem Objekt im Verhältnis zu einem Subjekt sprechen. Das, was erlebt wird, ist immer abhängig von einem Erleber, dem wahrnehmenden Geist.
        
 
Die Merkmale von Materie und Geist sind völlig entgegengesetzt. Somit können sie auch kein Ursache-Wirkungs-Verhältnis miteinander haben, denn Ursache und Wirkung müssen immer von der gleichen Art sein. Aus einem Reissamen kann auch nur Reis entstehen und nicht Gerste. Daraus folgt, dass entweder alles Materie sein muss oder alles Geist, damit überhaupt eine Verbindung zwischen ihnen stattfinden kann. Wenn alles Materie wäre (was die Materialisten glauben), würden die Merkmale für Geist, vor allem Erleben und Erkenntnis, nicht vorkommen. Weil wir aber die Dinge erleben, gibt es nur die zweite Möglichkeit: Der Geist muss die Grundlage für alles sein.


Aus Gewohnheit erscheint uns Materie als unterschiedlich vom Geist. Tatsächlich ist jedoch Materie nur eine Projektion unseres Geistes. Wir glauben, dass da etwas unabhängig existieren würde, was eigentlich das freie Spiel unseres Geistes ist. Wir halten gerade jetzt die Projektion des Tages für wirklich, und in der Nacht geben wir unseren Träumen dieselbe Wirklichkeit. Die Eindrücke im Spiegel des Geistes ändern sich die ganze Zeit. Da sie sich ändern, haben sie jedoch keine unabhängige Existenz. Der Geist als Grundlage unserer Welt ist im Gegensatz dazu nicht vergänglich, der Erleber hinter den Bildern ist kein Ding und kann daher niemals verloren gehen oder Schaden erleiden. Man kann völlig furchtlos sein, denn seine Natur ist wie der Raum.
     
 

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12 Glieder abhängigen Entstehens   
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